Türkisch geprägte Fußballvereine als neue kommunale Akteure – Herausforderungen und Potentiale.

Das Forschungsexposé von Markus Tscherner

Mein Forschungsinteresse liegt in der Ausarbeitung der Problemlagen und den Herausforderungen, denen türkisch geprägten Fußballvereinen in der Zusammenarbeit mit städtischen Akteuren und den städtischen Verwaltungen begegnen.

Sportpolitik ist auch Interessenpolitik, wenngleich sich das System der Interessenvermittlung auf kommunaler Ebene teilweise erheblich von Systemen der Interessenvermittlung auf höheren Ebenen unterscheidet. Das gilt auch für die Sportpolitik auf kommunaler Ebene. In erster Linie kann auf kommunaler Ebene eine weitestgehend nicht öffentliche, konsensorientierte und persönliche Einflussnahme von Seiten der Vereine auf die kommunale Politik und Verwaltungen beobachtet werden. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass die lebensweltlichen Verflechtungen und Netzwerke oft erheblich enger sind, als man dieses auf höheren föderalen Ebenen beobachten kann. Es dominiert dadurch der direkte Kontakt – „man kennt sich“. Gleichzeitig erhöhen sich auch die Kosten. So kann ein rationaler Zwang entstehen, gebührend auf die Einflussnahme zu reagieren bzw. Konflikten gezielt aus dem Weg zugehen, da auf kommunaler Ebene ein oft umfassender Lebenszusammenhang der Akteure bestehen kann und die Akteure für ihr Veralten in der einen Lebenswelt beim Aufeinandertreffen in einer anderen Lebenswelt sanktioniert werden können.

Dominiert wird die Sportpolitik auf kommunaler Ebene von etablierten und besonders ressourcenstarken Vereinen, die teilweise schon seit über 100 Jahren vor Ort ansässig sind.
Unter solchen Voraussetzungen sind migrantische, in diesem Fall türkisch geprägte Fußballvereine doppelt benachteiligt. Zum einen sind es meist junge Vereine, mit Vereinsvertretern, die in der Beziehung zur Stadt oft nicht dieselben lebensweltliche Verflechtungen teilen und dadurch auch nicht über das nötige Sozialkapital, in bourdieuischer Ausprägung, zur Vertretung ihrer Interessen verfügen. Mit dieser Art der Ressourcenschwäche haben auch oft andere, nicht-migrantische Vereine zu kämpfen. Darüber hinaus sind die Vereine durch ihr fehlendes Know-how benachteiligt, dass oft auf die Migrationsgeschichte ihrer Mitglieder und die damit zusammenhängende soziale Situation zurückgeführt werden kann. Konkret bedeutet das oftmals sprachliche Defizite sowie mangelnde Kenntnisse über Verfahrensregeln sowie der Umgang mit Verbänden und Behörden. Eine weitere Ressourcenschwäche, die migrantische und junge nicht-migrantische Vereine miteinander teilen, ist die geringe Zahl an ehrenamtlichen Mitarbeitern zur Verteilung der Arbeitslasten.

In der Herausarbeitung der Problemlagen von türkisch geprägten Fußballvereinen interessiert mich insbesondere die Frage, ob sich bei türkisch geprägten Vereinen eine Problemlage widerspiegelt, die sich auch bei anderen neuen kommunalen Akteuren findet lässt, oder können die Defizite bei der Durchsetzung ihrer Interessen teilweise oder zur Gänze auf ihren spezifischen Migrationskontext zurückgeführt werden. Der zweite Aspekt meines Forschungsinteresses besteht in der Herausstellung der Potentiale, die in der Kooperation mit solchen Vereinen für die Stadt besteht. Dabei sind vor allem Potentiale der Aufgabendelegation für die Verwaltungen zu betonen sowie die Übernahme von sozialen und integrativen Aufgaben in den Vereinen. Das größte Potential der Vereine liegt hierbei vor allem in der Jugendarbeit. Durch die Eingliederung Jugendlicher in ein soziales Gefüge kann zum einen gegenseitige soziale Kontrolle aufgebaut werden, die auch über die sportliche Betätigung hinausgehen kann, z.B. Unterstützung bei Hausaufgaben oder weitere Freizeitgestaltung. Zum anderen bieten Vereine Jugendlichen die Möglichkeit zum Engagement und der Übernahme von Verantwortung im Ehrenamt.