Sozialkapital durch den türkischen Fußballverein
Eine Analyse egozentrierter Netzwerke von Mädchen. Das Forschungsexposé von Daniela Solbrig
Relevanz des Themas und Erkenntnisinteresse
Mit dem Vereinssport wird häufig die Hoffnung auf eine gesamtgesellschaftliche Sozialintegration von Menschen mit Migrationshintergrund verbunden. Dieser scheinbare Automatismus wird allerdings zunehmend kritisch gesehen. Handelt es sich vielleicht doch um eine politische Leerformel, wenn von positiven Effekten für den einzelnen durch ihr/sein Sportengagement gesprochen wird?
Türkischstämmige Frauen und Mädchen gelten in Deutschland als zivilgesellschaftlich kaum eingebunden. Türkische Mädchen im Fußballverein sind noch immer ein ungewohntes Bild. Der Forschungsstand ist ebenfalls spärlich. Man kann sagen, dass „beim Thema Fußball und Integration eine Hälfte der Kinder und Jugendlichen, nämlich Mädchen und junge Frauen schlichtweg vergessen werden. Im Fokus des allgemeinen Interesses steht der männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund“ (Lehnert 2006, 18). Im Ruhrgebiet gibt es jedoch eine Handvoll türkischer Fußballvereine, die ein Angebot für Mädchen und junge Frauen anbieten. Die Forschungsarbeit soll sich diesem Forschungsdesiderat widmen.
Soziale Beziehungen sind eine Voraussetzung für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Sozialkontakte selbst sagen aber noch nicht viel aus; Ressourcen, die aus diesen Kontakten gezogen werden, allerdings schon. Man spricht von Sozialkapital. Aber was bedeutet das für die die befragten Mädchen überhaupt? Welche Ressourcen ziehen sie persönlich aus ihren Netzwerken? Welche Rolle spielen dabei Beziehungen, die im Verein aufgebaut wurden? Sind dies Ressourcen, die die Mädchen für ihr eigenes Leben gewinnbringen nutzen können? Oder ist das regelmäßige Treffen ausschließlich eine Freizeitbeschäftigung, die mit dem Verlassen der Kabine endet? Die leitende Forschungsfrage lautet daher: Bietet der türkische Fußballverein Gelegenheitsstrukturen für den Aufbau/die Intensivierung von Sozialkapital als persönliche Ressource für türkischstämmige Mädchen?
Methode
Da die subjektiven Einschätzungen der interviewten jungen Frauen im Vordergrund der Untersuchung stehen, bietet sich eine ungelenkte, qualitative Herangehensweise an.
Das persönliche Netzwerk eines Menschen kann besonders gut mit einer egozentrierten Netzwerkanalyse untersucht werden. Die Netzwerkanalyse beschränkt sich dabei auf die wichtigen Einheiten und Beziehungen aus der eigenen Sicht. Eine interessante Möglichkeit scheint dabei der Einsatz von Netzwerkkarten zu sein. Diese sollen allerdings hauptsächlich als Erzählstimulus für die jeweilige Interviewpartnerin dienen, von der Bedeutung der eigenen Sozialkontakte zu berichten.
Für die Befragung wurden neun türkische Mädchen zweiter Generation, die regelmäßig in der U-17 Mannschaft des Vereins Türkspor Dortmund trainieren, ausgewählt. Die Spielerinnen sind zwischen 12 und 16 Jahren alt. Um einen besseren Einblick in die Rolle des Vereins in den Sozialbeziehungen der Mädchen zu gewinnen, wurden zudem sechs türkischstämmige Schülerinnen der Hauptschule In der Landwehr (Dortmund) ausgewählt. Diese sind in keinem Verein organisiert.
Ziel
Das Ziel der Arbeit ist zunächst einen Einblick zu gewinnen, welche Ressourcen junge Migrantinnen zweiter Generation selbst aus ihren Sozialbeziehungen ziehen. Dabei konzentriert sich die Analyse allerdings auf die Mikroebene. Die Arbeit soll Erkenntnisse darüber liefern, ob und inwiefern Mädchen von einem Vereinsengagement im türkischen Fußballverein profitieren.
Literaturverzeichnis
- Lehnert, Esther (Juni 2006): Migrantinnen und Fußball. Fußballerinnen zwischen ethnisierenden Vorurteilen, realen Diskriminierungen und Spaß am Sport. In: Dossier Fußball und Integration, S. 18–20.