Über das Projekt »Türkische Fußballvereine — Im Abseits der Gesellschaft?«
Kein Politiker, der nicht zur rechten Zeit die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements beschwört. Vereine gelten nicht nur als typisch deutsch, sie sollen gleichzeitig die Keimzelle einer vitalen Zivilgesellschaft sein. In einer demokratischen Gesellschaft sind Bürger, die sich in selbstorganisierten Gruppierungen engagieren, Ausdruck eines funktionierenden Gemeinwesens und werden entsprechend anerkannt. Alle Bürger? Glaubt man den einschlägigen Medienberichten über türkisch geprägte Fußballvereine, schlägt selbigen großes Misstrauen entgegen. Warum gründen Migranten extra Fußballvereine, wenn es doch genügend Fußballvereine gibt? Das von der WWU Münster geförderte studentische Forschungsprojekt »Türkische Fußballvereine – Im Abseits der Gesellschaft?« untersuchte von September 2009 bis August 2010 die Gründungsmotive von türkisch geprägten Fußballvereinen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts erschienen im April 2011 in einem eigens herausgegebenen Sammelband.
In Deutschland leben knapp drei Millionen Menschen türkischer Abstammung – mit oder bloß bei uns? Diese Frage wird (noch immer) unter dem Schlagwort der Parallelgesellschaft diskutiert. Während dieser Begriff in der Öffentlichkeit oft und beinahe wie selbstverständlich benutzt wird, ist er in der Wissenschaft umstritten.
Nachdem von der Situation der türkischen Migranten in der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit wenig Notiz genommen wurde, erfährt sie gegenwärtig in der medialen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung umso stärker Beachtung. Besonders häufig und polarisierend wird dabei die Rolle der Migrantenorganisationen debattiert: Während einerseits desintegrative Tendenzen betont werden, unterstreichen andererseits aktuelle Forschungsergebnisse, dass gerade Migrantenorganisationen, also jene Vereine, bei denen eine ethnische Identität wesentliches Merkmal der Gründung ist, einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Integration von Migranten in Deutschland leisten. Sie können demnach nicht nur als Ausdruck einer Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft, sondern vielmehr als Annäherung an diese verstanden werden. Ein in diesem Bereich wenig erforschtes, aber besonders spannendes Phänomen sind die so genannten ethnischen Sportvereine, eine spezielle Form der Migrantenorganisation.
Relevanz
Wer einen Blick auf die Kreisligatabellen des Ruhrgebietes wirft, der findet dort Vereine, wie Fenerbace Istanbul Marl, Kültürspor 1988 Datteln, Genclikspor Recklinghausen und viele weitere ethnische Fußballvereine. In Berlin hat es Türkiyemspor Berlin bis in die Regionalliga geschafft. Allein im Ruhrgebiet und in Berlin gibt es zusammen mehr als 80 türkisch geprägte Fußballvereine.
Sport – der Fußball im Speziellen – gilt als gesellschaftlicher Bereich mit hoher integrativer Wirkung. Der faire Wettkampf, das soziale und emotionale Gruppenerlebnis, all diese Dinge befördern den integrativen Ruf des Sports: Dabei sein ist alles. Glaubt man den örtlichen Regionalzeitungen, ist in den Fußball-Kreisligen jedoch aus dem Gegeneinander zweier Sportmannschaften ein vermeintliches Gegeneinander zweier Ethnien, Kulturen oder gar Gesellschaften geworden. Immer stärker wird in der Öffentlichkeit auf die Brisanz hingewiesen, die mutmaßlich von den türkischen Fußballmannschaften ausgehe, zumal diese in den letzten 20 Jahren enorme Mitgliederzuwächse zu verzeichnen haben.
Erkenntnisinteresse
Welchen Ursprung haben diese Vereine? Migrantenorganisationen entstehen zumeist in Bereichen, in denen das Aufnahmeland kein Äquivalent bieten kann. So werden wie oben erwähnt etwa Moscheevereine zur Ausübung des eigenen Glaubens gegründet. Dem besonderen Verdacht der Abschottung sehen sich demnach solche Vereine ausgesetzt, die sich zusätzlich zu vergleichbaren Angeboten der Mehrheitsgesellschaft gründen; so eben die Sportvereine. Diese werden von deutschen Vereinsvertretern mehrheitlich als desintegrativ empfunden. Es stellt sich also die Frage: Sind ethnische Fußballvereine desintegrativ und begründen oder verstärken sie parallelgesellschaftliche Tendenzen der türkischen Migranten in Deutschland? Oder nehmen sie nicht vielmehr integrative Aufgaben wahr und wirken somit der Bildung von Parallelgesellschaften entgegen? Diesem übergeordeten Erkenntnisinteresse soll sich durch eine Analyse der türkischen Vereine angenähert werden: Welche Motive führen zur Gründung eines ethnischen Fußballvereins, wie sind die Vereine vernetzt, welche Strukturen herrschen dort vor und welche Ziele haben sie?
Methode
Diese Fragen wurden mit qualitativen Interviews von Schlüsselfiguren innerhalb von 20 Vereinen beantwortet. Eine (wünschenswerte) Vollerhebung war aufgrund der schieren Anzahl kaum möglich. Desweiteren beschränkte sich die Studie auf ethnische Vereine qua Gründung, und schloss aus forschungspragmatischen Gründen (nicht wirklich wünschenswert) solche Vereine aus, die zwar über einen hohen Migrantenanteil verfügen, aber eben eigentlich keine eigenethnische Gründung sind.
Die Auswahl der Vereine konzentrierte sich auf die zwei zentralen Ballungsgebiete türkischer Migranten in Deutschland: das Ruhrgebiet und Berlin. Die beiden Regionen sollen zu etwa gleichen Teilen berücksichtigt werden. Die Auswahl der Vereine innerhalb der Regionen stellte eine größmöglichste Vielfalt der Vereine (z.B. unterschiedliche Größe, Professionalisierungsgrad, Vereinsstruktur etc.) sicher .
Ziel
Ziel des Projekts war es, einen besseren Einblick in Gründe und Motivation sowie Ziele der türkisch geprägten Fußballvereine zu bekommen und somit deren gesellschaftliche Bedeutung einzuordnen. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse die Debatte um Parallelgesellschaften, neben den in den Medien angeführten emotionalen und intuitiven angeführten Argumenten mit empirischen Erkenntnissen ergänzen. Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden im April 2011 in einem eigens herausgegebenen Sammelband veröffentlicht.
Weitere Forschungsvorhaben
Sozialkapital durch den türkischen Fußballverein – Eine Analyse egozentrierter Netzwerke von Mädchen (von Daniela Solbrig). Mehr Informationen gibt es hier.
Türkisch geprägte Fußballvereine als neue kommunale Akteure – Herausforderungen und Potentiale (von Marcus Tscherner). Mehr Informationen gibt es hier.