Über das Projekt »Türkisch geprägte Fußballvereine — Im Abseits der Gesellschaft?«

»Im Abseits der Gesellschaft? Türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und in Berlin.« Unter diesem Titel haben wir, damals noch drei Studierende der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster, ein Forschungsprojekt entwickelt und durchgeführt, in dem wir 20 türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und Berlin besucht, interviewt und untersucht haben. Mittlerweile ist neben einigen Vorträgen, Artikeln und einem Buch noch mehr aus dem imabseits-Projekt geworden. Wir betreiben diesen Forschungsblog, haben einen Dokumentarfilm gedreht, arbeiten an journalistischen Projekten, promovieren zu dem Thema und planen eine Ausstellung.

Forschungsidee im Januar 2008

Die Idee für das Projekt »Türkisch geprägte Fußballvereine. Im Abseits der Gesellschaft?« entstand auf einer wissenschaftlichen Tagung im Januar 2008 im Franz Hitze Haus in Münster, an der wir als Studierende der WWU Münster teilnahmen. Auf dieser Veranstaltung zum Thema »Migration und Zivilgesellschaft« wurden insbesondere Fragen nach der Existenz und Funktion von Migrantenorganisationen diskutiert. Ein Ergebnis der Tagung war die Erkenntnis, dass Migrantenorganisationen zumeist in den Bereichen entstehen, in denen das Aufnahmeland kein Äquivalent bietet. Um ihren eigenen Glauben auch in Deutschland ausüben zu können, gründen muslimische Migranten etwa Moscheevereine. Keine Antwort wurde allerdings auf die Gründung von Migrantenorganisationen gefunden, die sich zusätzlich zu vergleichbaren Angeboten der Mehrheitsgesellschaft gründen, wie etwa Migrantenorganisationen im Sport und hierbei speziell im Fußball.

Projektinitiative »Im Abseits der Gesellschaft? Türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und in Berlin« im Sommer 2009    

Warum gründen Migranten also extra Fußballvereine, wenn es doch genügend Fußballvereine gibt? Das vom Innovationsfonds der WWU Münster geförderte studentische Forschungsprojekt »Türkische Fußballvereine – Im Abseits der Gesellschaft?« untersuchte seit September 2009 die Gründungsmotive von türkisch geprägten Fußballvereinen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts erschienen im April 2011 in einem eigens herausgegebenen Sammelband und in wissenschaftlichen Artikeln. Weiterhin stellten wir einige Ergebnisse auf nationalen wie internationalen Tagungen und Workshops vor Wissenschaftlern und Praktikern vor. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse in journalistischen Radiobeiträgen, u.a. auf WDR5 und Funkhaus Europa, gesendet. Im Anschluss entstanden verschiedene neue Projekte und Projektideen, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Für Dokumentarfilmprojekt »Weltklasse Kreisklasse« ein Jahr bei Genclikspor Recklinghausen

Der Dokumentarfilm »Weltklasse Kreisklasse« von Daniel Huhn gibt einen Einblick in die Welt von Genclikspor Recklinghausen. Genclik, wie Anhänger und Mitglieder ihren Verein nennen, liegt in der Recklinghäuser Südstadt, eine Gegend, die alle Symptome eines strukturschwachen Ruhrgebiet-Stadtteils aufweist: verlassene Ladenlokale, marode Wohnhäuser, brachliegende Industrieflächen und schließlich ein hoher Anteil türkischstämmiger Migranten. Doch diese bringen nicht nur durch Dönerbuden und Handygeschäfte, sondern vor allem durch »ihren« Fußballverein neues Leben in den Stadtteil. Der Film ist ab dem Frühjahr 2013 in ausgewählten Kinos zu sehen (mehr Informationen auf der Filmhomepage) – mittlerweile auch als DVD erschienen.

Promotionsprojekt »Ethnisierung im Amateurfußball?« am Beispiel Berlins

Seit Frühjahr 2011 promoviert Stefan Metzger am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster zu dem Thema Migration, Identität und Ethnizität bei türkisch geprägten Fußballvereinen in Berlin. Dabei steht die Frage nach der Fremdzuschreibung und Selbsteinordnung nach Kategorien einer gemeinsamen Herkunft im Vordergrund. Er begleitete dazu drei Fußballvereine in Berlin in der Saison 2012/2013 bei Training, Spielen und weiteren Vereinsaktivitäten und nahm an Sitzungen des Ausschusses für Migration und Integration des Berliner Fußballverbands teil (einige Zwischenergebnisse wurden als Artikel in der Reihe WISO direkt der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht).

Seminar »Sport(vereine) und Integration auf lokaler Ebene« im Sommersemester 2012

Im Sommersemester 2012 haben wir in einem Seminar am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster gemeinsam mit Studierenden die integrativen Prämissen des Sports auf lokaler Ebene vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Fachliteratur und den eigenen Erfahrungen der Studierenden diskutiert. Denn Sport  und der Fußball im Speziellen gelten als gesellschaftlicher Teilbereich mit hoher integrativer Wirkung. Der faire Wettkampf nach Regeln, das soziale und emotionale Gruppenerlebnis, das gemeinsame Engagement in einem Sportverein: All diese Attribute befördern den integrativen Ruf des Fußball und des Sports. Die Teilnehmer des Seminars haben dazu Interviews mit Funktionsträgern von Münsteraner Fußballvereinen geführt und ausgewertet.

Summer School und Ausstellungsidee zu Fußball und Migration im Ruhrgebiet

Nach der Teilnahme an der internationalen Summer School »Migration im Museum« des Netzwerk Migration in Europa e.V. in Köln, Paris und Istanbul im Herbst 2011 entstand die Idee, eine Ausstellung zur Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet zu entwickeln. Denn das Ruhrgebiet steht wie kaum eine andere Region für Arbeit, Migration und Fußball. Dabei haben Migranten und deren Nachkommen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den Fußball im Ruhrgebiet geprägt – von der untersten Kreisklasse bis zu den Traditionsvereinen der Bundesliga. Museal wurde in der Vergangenheit hauptsächlich die Arbeitsmigration nach Deutschland aufgearbeitet. Mit dem Querschnittsthema Fußball soll ein neuer und gemeinsamer Blick auf die Alltags- und Freizeitgeschichte der Einwanderer und ihrer Nachkommen gerichtet werden.

Geplante Ausstellung »Von Kuzorra bis Özil« im Sommer 2015 in Bochum

Das Ausstellungsprojekt »Von Kuzorra bis Özil. Die Geschichte von Migration und Fußball im Ruhrgebiet« (Arbeitstitel) ist ein Gemeinschaftsprojekt vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiD) und dem LWL-Industriemuseum (Landschaftsverband Westfalen-Lippe), das von Daniel Huhn und Stefan Metzger konzipiert und entwickelt wurde und wird. Die Ausstellung wird im LWL-Industriemuseum in der stillgelegten Zeche Hannover in Bochum erstmalig im August 2015 zu sehen sein.

Arbeitstagung zur Ausstellung »Von Kuzorra bis Özil« im August 2013

Als »kick off« für die Ausstellungserarbeitung fand im August 2013 eine Arbeitstagung statt. Diese Tagung organisierten wir mit Unterstützung und in Zusammenarbeit mit dem Gesprächskreis Migration und Integration der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit dem LWL-Industriemuseum sowie mit DOMiD und luden rund 20 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis nach Dortmund ein (siehe Programm). Im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern diskutierten wir an zwei Tagen in drei Panels und elf Vorträgen die Ausstellungsidee (siehe WDR-Fernsehbeitrag). Wir konnten viele spannende Erkenntnisse zur Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet sammeln. Einige Anregungen haben wir in ein Paper in der Reihe WISO direkt einfließen lassen.  

»Die ersten Kicker von São Paulo« – Recherchen zu Fußball und Auswanderung am Beispiel Brasiliens

Bei Recherchen im Rahmen unseres Ausstellungsprojekts sind wir auf die Geschichte des SC Germania in São Paulo gestoßen. Im Archiv des Instituto Martius-Staden in São Paulo fanden wir den »Bericht des Sportveteranen Hans Nobiling« (»Relatorio do veterano esportista Hans Nobiling«). In einem Brief von 1907 beschreibt der aus Hamburg stammende Nobiling anschaulich, wie er 1897 nach Brasilien kam und dort einen Fußballverein nach Vorbild seines ehemaligen Heimatvereins SC Germania in Hamburg gründete. Wie Auswanderer aus Deutschland die Anfänge des brasilianischen Fußballs prägten, konnten wir in einem Artikel für DIE ZEIT nachzeichnen. Der Brief von Nobiling wurde außerdem von WDR5 eingelesen und in der Sendung »Neugier genügt« ausgestrahlt.

Neue Perspektiven auf den Alltag von Fußball und Migration – Ausstellungs-Workshops mit Amateurfußballern im Ruhrgebiet

Im Rahmen des Ausstellungsprojekts »Von Kuzorra bis Özil« haben wir in Zusammenarbeit mit DOMiD und mit Unterstützung des Fonds Soziokultur von Januar bis Mai 2015 Workshops mit B-Jugend-Spielerinnen von Rhenania Hamborn in Duisburg, mit A-Jugend-Spielern von Yunus Emre Gençlik (YEG) Hassel in Gelsenkirchen sowie mit »Team 3« von DJK Teutonia Ehrenfeld in Bochum. Die Workshops sind Bestandteil einer partizipativen Ausstellungserarbeitung, bei der wir nicht nur mit Kategorien und Zuschreibungen aus Medien, Politik und Forschung arbeiten möchten, sondern die Amateurfußballer selbst Inhalte der Ausstellung erarbeiten. Das Ergebnis waren selbstgedrehte Smartphone-Videoclips der Workshop-Teilnehmer, die einen neuen Blick auf den Alltag von Fußball und Migration im Ruhrgebiet richten.

»Von Kuzorra bis Özil. Die Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet« – Vom 21.8. bis 1.11.2015 im LWL-Industriemuseum in Bochum

Ab dem 21. August ist die Ausstellung Von Kuzorra bis Özil im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zu sehen. Die Idee zum Ausstellungsprojekt kam uns nach dem Besuch der School »Migration im Museum«, mit der wir im LWL-Industriemuseum zu Gast waren. Gemeinsam mit dem Museumsteam sowie mit DOMID haben wir die Projektidee weiter entwickelt. Wir haben zahlreiche Profi- und Amateurfußballer gesprochen, Interviews geführt, Archive durchforstet. Wir haben uns mit Wissenschaftlern beraten, mit Amateurfußballerfußballern Teile der Ausstellung erarbeitet. Mit Förderung der Friedrich-Ebert-Stiftung konnten wir einen vorbereitenden Expertenworkshop durchführen, und die Heinrich Böll Stiftung NRW hat die Konzepterstellung finanziell unterstützt. Die Förderung der DFB-Kulturstiftung und des Fonds Soziokultur haben zur Realisierung der Ausstellung, der Workshops und des Begleitprogramms beigetragen. Für einen ersten Eindruck finden Sie hier einen Video-Teaser sowie einen Beitrag auf DFB.de (hier auch erste Pressestimmen), außerdem ist im Klartext-Verlag ein Begleitband zur Ausstellung erschienen.

Radio- und Onlinefeature »Der Doppelte Nationalspieler« zu Leben und Karriere von Ernst Willimowski

Zum EM-Spiel Deutschland-Polen erarbeitete Daniel Huhn gemeinsam mit Diethelm Blecking ein Feature zu Ernst Willimowski, das im Zeitgeschichte-Portal »Eines Tages« auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht sowie als Radio-Feature auf WDR 5 ausgestrahlt wurde. Willimowski schoss bei der WM 1938 in Frankreich vier Tore gegen Brasilien. Dabei trug er das Trikot der polnischen Nationalmannschaft. Bald darauf spielte er für Deutschland, mit dem Hakenkreuz auf der Brust.

VON KUZORRA BIS ÖZIL vom 19.9. bis zum 10.10.16 in der LV NRW

Unsere Ausstellung zur Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet wandert nach Berlin. Nach der Eröffnung im August 2015 im LWL-Industriemuseum in Bochum, wird ein Teil der Ausstellung in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin gezeigt.