Gestern Kuzorra, heute Lewandowski – die multikulturelle Vergangenheit im Ruhrgebietsfußball

am 21. Mrz 2012 von

Schießen heute Błaszczykowski, Lewandowski und Piszczek Borussia Dortmund zur Meisterschaft, waren es in den 1930er Jahren Kuzorra und Szepan, die den Erfolg von Schalke 04 prägten. Allein ihre polnisch klingenden Namen erzählen einen Teil der Migrationsgeschichte im Ruhrgebiet. Markus Bark zeichnet sie in seinem Beitrag auf WDR.de zusammen mit Prof. Stefan Goch nach.

In seinem Buch “Zwischen Blau und Weiß liegt Grau” über die Geschichte von Schalke 04 während der Nazi-Zeit zählt Prof. Stefan Goch insgesamt 40 Spieler, deren Väter aus einer ehemaligen Ostprovinz stammen. Viele waren jedoch bereits im Ruhrgebiet geboren, wie Markus Bark in seinem Beitrag ausführt:

“Nur ganz wenige bekannte Fußballer waren dort selbst noch geboren. Bei den in Gelsenkirchen zur Welt gekommenen Szepan und Kuzorra waren es die Eltern, die ins Ruhrgebiet übersiedelten, bei Kwiatkowski und Tilkowski die Großeltern. Heinrich Kwiatkowski weist eine “Mustervita” für einen Ruhrpott-Fußballer mit “polnischen” Wurzeln auf: Er wurde auf Schalke geboren, spielte für die Königsblauen, Rot-Weiss Essen und später Borussia Dortmund.”

Die Spieler wurden damals wie heute oftmals als “Ruhrpolen” bezeichnet, wobei der Begriff in die Irre führt. So heißt es in dem Beitrag:

“als die Eltern von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan ins Ruhrgebiet kamen, gab es nach den drei bekannten Teilungen gar keinen souveränen polnischen Staat mehr oder noch nicht wieder. Der Historiker Professor Stefan Goch vom Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen zählt drei Gruppen, die im Zuge der Industrialisierung das “zuvor fast menschenleere Ruhrgebiet” um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einem Ballungsraum machten: “Das sind die deutschen Siedler oder ‘Deutschstämmigen’, die katholischen Polen und die Masuren.” Sie kamen nach der intensiven Anwerbung mit ihren Familien aus den preußischen Ostprovinzen, um überwiegend im Bergbau zu arbeiten. Ihnen gemein war ein preußischer Pass.”

Die Geschichten von polenstämmigen Fußballern im Ruhrgebiet sind heute zumeist vergessen, oder werden erst jetzt im Vorfeld der Fußball-EM in Polen und der Ukraine wieder aufgearbeitet. Bisher haben sie kaum einen Platz im historischen Gedächtnis des Ruhrgebiets bzw. Deutschlands. Das wäre umso bedeutender, denn sie legen Zeugnis ab über eine multikulturelle Vergangenheit im Fußball, die nicht erst seit der WM 2010 besteht.

Mehr Informationen zur Migrations- und Sport- bzw. Fußballgeschichte im Ruhrgebiet finden sich in dem Artikel auf WDR.de oder ausführlich in dem Buch “Polen-Türken-Sozialisten, Sport und soziale Bewegungen in Deutschland” vom Sporthistoriker Prof. Diethelm Blecking (in unserer Literaturliste).